Porträtfotografie mit Fotomodel

Fotomodel (Foto: A. Pratzner)

Kamera:
Canon EOS 5D Mark II
Blende:
f/8
Belichtung:
1/160 Sek.
Brennweite:
54 mm
ISO:
100

Porträtfotografie

Porträtfotografie ist die Kunst, im richtigen Augenblick zu fotografieren, wenn alle 26 Gesichtsmuskeln des Porträtierten ihm den idealen und zur Person passenden Ausdruck auf das Gesicht zaubern. Spaß beiseite: Porträtfotografie ist ein interessanter Bereich in der Fotografie, da Menschen i.d.R. gerne Menschen betrachten.

Die Seele der Porträtfotografie

In einer schönen Erzählung von Woody Allen sagte er „er habe in der Metaphysik-Prüfung geschummelt – er habe nämlich dem Nachbarn in die Seele geschaut“. Das sagt viel. Und eigentlich ist dies der zentrale Satz für mich bei der Porträtfotografie.

Es geht meiner Meinung nicht darum, jemanden einfach abzulichten (man könnte auch knipsen sagen), sondern ein Foto von jemandem zu machen, das nach Möglichkeit ihn und seine wirkliche Person zeigt – die individuelle Persönlichkeit. Und zwar nicht in der Form, die ich bei einem Baugutachter erlebt hatte. Er beklagte sich, dass seine Fotos nicht ankommen. Nachdem ich seine Fotos sah, war es auch klar. Er fotografierte Menschen wie Gebäude zur Dokumentation der Bauschäden. Die Fotos waren technische brillant und es blieb auch absolut kein Makel versteckt.

Natürlich ist das gerade angeschnittene Thema das schwierigste in der Porträtfotografie – aber bevor wir dazu kommen, noch vorneweg Technik und Grundlagen.

Unterschiedliche Perspektiven:
Frontal, Halbprofil, Dreiviertelprofil und Profil

Bei diesen 4 Perspektiven wird der Blickkontakt zum Fotografen immer weniger. Frontal ist der direkte Blickkontakt zur Kamera da. Im Profil schaut der Porträtierte einfach zur Seite.

Porträt frontal:

Die Person kann sehr massiv wirken. Oft wird eine Mischung aus Frontal und Halbprofil eingesetzt. Der Kopf schau frontal zum Fotografen während der Oberkörper gedreht ist wie im Halbprofil. Dadurch kommt mehr Dynamik ins Foto.

Porträtfoto im Halbprofil

Bietet sich an bei Personen mit unterschiedlich großen Augen. Das kleinere Auge kann dann weiter vorne sein und wirkt dadurch größer.

Porträt im Dreiviertelprofil

Bitte darauf achten, dass die Nase nicht die Umrisse des Gesichts durchbricht, was i.d.R. merkwürdig aussieht.

Porträt im Profil:

Kann durch ein markantes Profil sehr interessant sein. Sind die 2 Gesichtshälften sehr unterschiedlich, ist das Profil eine geschickte Sache, da ja hier nur 1 Gesichtshälfte zu sehen ist.

Je nach Person wirken die Perspektiven sehr unterschiedlich.

Tipps zur den Perspektiven

Jemand mit sehr ausgeprägter Nase wird im Profil diese Nase wesentlich deutlicher zeigen. Jetzt kommt es natürlich darauf an, wie die Person zu ihrer ausgeprägten Nase steht. Wird die Person frontal fotografiert, wird die Nase weniger stark zur Geltung kommen. Es muss nicht immer die Nase sein – genauso können Kinn oder Stirn oder Augen sehr ausgeprägt, bzw. klein sein. Achten Sie darauf und probieren Sie einfach alle Perspektiven aus.

Und auch hier gilt: Mit dem Porträtierten sprechen, was er oder sie besonders gerne an seinem Gesicht hat. Immer im Positiven bleiben! Die Frage „Was können Sie am wenigsten an sich leiden?“ zerstört die Stimmung und kann auch das ganze Shooting negativ beeinflussen – es sei denn man möchte verärgerte Menschen ablichten (würde bestimmt auch zu Cholerikern passen).

Augenhöhe bei der Perspektive (Standort des Fotografen)

Wir können auch die Perspektive auf den Porträtierten ändern. Interessant (auch psychologisch) sind die sehr unterschiedlichen Wirkungen – hier können schnell Emotionen transportiert werden.

Porträtfoto auf Augenhöhe

Dies ist schätzungsweise der „gewohnte“ Anblick von Menschen, wenn man selber einigermaßen von der Größe in der „Normalgröße“ liegt. Sprich: diese Ansicht sind wir täglich gewohnt, wenn wir anderen Menschen auf Augenhöhe beim Gespräch frontal in die Augen sehen.

Porträtfoto unterhalb der Augenhöhe

Wird man eine Person von unten fotografieren, wirkt diese größer, erhabener oder unter Umständen hochnäsig (je nach Streckung des Halses). Wir „blicken“ quasi zur Person auf. Das ist das Foto, das viele Firmenchefs sehen wollen, wenn diese zum Fotograf gehen. Viele Ölgemälde hängen auch genau aus diesen Grund erhöht, damit man zu den Personen aufblicken muss.

Porträts von oben

Wenn wir ein Porträt von oben fotografieren, kann auch hier sehr viel Emotion aufkommen. Wir blicken auf jemanden herunter (Kinder, Bedienstete (OK, falsches Jahrhundert) oder andere Unterwürfige …). Wobei diese Perspektive in Maßen es der Realität entspricht, da die durchschnittliche Körpergröße von Männern größer ist als die der Frauen. Wird also eine Frau leicht von oben fotografiert, kann das durchaus der Sehgewohnheit der Männer entsprechen (und da viele Fotografen männlich sind und anscheinend darunter viele mit Knieproblemen, die ein heruntergehen anscheinend nicht möglich machen) wird man viele Porträts von Frauen so sehen.

Die Perspektive von oben kann auch Traurigkeit oder ein schlechtes Gewissen symbolisieren. Der gesenkte Blick zeigt beim normalen Gespräch, dass der Gegenüber einen nicht in die Augen sehen möchte.

Probieren Sie die verschiedenen Kamerapositionen aus und lassen Sie die Fotos auf sich wirken. Welche Emotionen empfinden sie dabei?

Im Folgenden werden die unterschiedlichen Möglichkeiten der Bildgestaltung bei der Porträtfotografie anhand einer Schaufensterpuppe gezeigt. Diese hat den Vorteil, dass ihre Mimik sich nicht verändert.

Porträtfoto und Perspektive

Porträts von unten und oben verändert auch die Mund-, Nasen-, Augen- und Stirnpartie – diese erscheinen zur normalen Ansicht in der Größe „ungewohnt“ – was auch einen erfrischenden Eindruck erwecken kann. Der Hals kann z.B. von unten wesentlich länger bzw. von oben wesentlich kürzer wirken.

Porträtfoto und Perspektive: gleiche Augenhöhe

Bei dem obigen Beispielfotos sind die Augen immer auf gleicher Höhe und nahezu gleich groß, damit die Unterschiede besser sichtbar werden.

Brennweite und Porträtfotos

Die verwendete Brennweite des Objektives ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Die Gesichtsform ändert sich je nach Brennweite. Auf dem folgenden Bild ist zu sehen, wie sie sich auf Gesichtsform und Beine auswirkt. Noch deutlicher wird es bei den Extremen wie 8mm (Fisheye). Daher sollte ein realistisches Porträt mit einer Brennweite zwischen 50mm und 100mm gemacht werden. Obige Beispiele wurden mit einer Kleinbildkamera gemacht - sprich KB-Format bzw. bei den Digitalkameras spricht man gerne von Vollformat-Sensor. Hat Ihre Kamera einen Crop-Faktor von z.B. 1,5 – erhalten Sie aus der 50mm Brennweite dann faktisch eine Ausschnittvergrößerung und nicht die optischen Eigenschaften eines Objektives mit 75mm (50mm * 1,5 Cropfaktor).

Nebenwirkung Brennweite beim Fotografieren

Das Spannende bei Objektiven über 70mm (KB-Format!) ist, dass diese eine leichte Kissenverzerrung haben. Somit wird der Porträtierte schlanker im Gesicht. Für viele Menschen passt das gut. Hat aber jemand bereits ein sehr schmales Gesicht, kann diese Verzerrung unerwünscht sein.

Also bitte auf die perspektivischen Verzerrungen achten! Ein groteskes Porträt bekommt man mit einem Fisheye-Objektiv. Das gibt große Nasen, und, wenn von oben fotografiert wird, einen sehr kleinen Körper.

Bei Brennweiten über 150mm wird schnell ein sehr flaches Gesicht gezaubert.

Bildausschnitte beim Porträtfoto

Es gibt verschiedene typische Varianten beim Bildausschnitt. Das normale Porträt, das man aus der Gemäldemalerei kennt, zeigt vorzugsweise ein Brustbild. Modern erhält man ein Brustbild quer – wobei immer die Frage ist, was ist dann rechts oder links von der Person zu sehen. Hier bietet sich an, die porträtierte Person in seinem normalen Umfeld zu zeigen – was die Person quasi ausmacht, über was sich die Person definiert.

Porträt Gesicht: Das Gesicht ist bildfüllend aufgenommen.

Angeschnittenes Gesicht: Es wird nur das Gesicht dargestellt – der Hintergrund ist i.d.R. nicht sichtbar, da das Gesicht die gesamte Fläche des Fotos einnimmt.

Detail: Ein Detail wird herausgestellt. Das kann ein sehr sinnlicher Mund oder sehr gleiche Gesichtshälften sein. Allerdings sind hier längere Brennweiten notwendig, um sich nicht selber das Licht zu nehmen und vor allem dem Porträtierten nicht zu nahe kommen zu müssen.

Schärfentiefe

Durch die Brennweite wird auch die Schärfentiefe beeinflusst. Extrem wichtig bei einem Porträtfoto ist, dass die Augen scharf sind. Allerdings kann je nach gewählter Brennweite und Blende die Schärfentiefe gering werden, so dass bei einem Halbprofil-Porträt bereits ein Auge nicht mehr scharf abgebildet werden kann. Achten Sie darauf, dass das vordere Auge scharf abgebildet ist. Es dürfen die Stirn und der Mund unscharf sein, aber die Augen müssen scharf abgebildet werden. Natürlich gilt auch hier die Regel beim Fotografieren, dass alle Regeln gebrochen werden dürfen. Das ist künstlerische Freiheit. Allerdings sollte man es dann bewusst tun und nicht jedes schlechte Foto mit künstlerischer Freiheit rechtfertigen.

Die Zusammenhänge bei Schärfentiefe zwischen Blendenwert, Brennweite und Abstand werden im Kapitel „Schärfentiefe in der Fotografie“ erklärt.

Augen: Reflexpunkte und Glanz

Die Lebendigkeit der Augen kommt von den Glanzpunkten von Lichtquellen. Fehlen diese, wirken Augen sehr schnell leblos. In Filmen wird dies teilweise bei der Darstellung der Bösewichte eingesetzt – bei den Aufnahmen wird darauf geachtet, dass die Augen keine Glanzlichter haben.

Diese Glanzpunkte erhalten Sie durch das reflektierte Licht von Fenstern, Kerzen oder andere Lichtquellen.

natürliche Reflexionen im Auge

Sobald Blitzlicht eingesetzt wird, kann dieses entsprechend positioniert werden. Sehr lustig zu sehen z.B. bei vielen Wahlplakaten sind die Reflektoren und deren Form (oft rechteckig) in den Augen der Kandidaten. Besondere Highlights sind die Porträts, wo in einem Auge ein rechteckiger Lichtreflex und im anderen Auge ein runder Lichtreflex zu sehen ist. Amüsant – einfach mal darauf achten. Das erklärt auch, warum man einen merkwürdigen Eindruck bei manchen Porträts hat. Der Lichtpunkt sollte natürlich sein. Meist sitzt er oben (von wo die Sonne i.d.R. auch scheint) und ist rund.

Lichtsetzung bei der Porträtfotografie

Probieren Sie, das Licht von rechts auf das Gesicht fallen zu lassen. Oft liest man in verschiedenen Fotobüchern, dass man die Schokoladenseite der Person herausfinden muss. In einem Buch habe ich gelesen, dass man einfach auf den Haarscheitel achten solle. Die Gesichtsseite mit Scheitel sei fotogener. Solange ich das nicht bei 1000 Personen ausprobiert habe, bezweifele ich es.

Interessant sind 2 Ansätze, die erklären, dass das Führungslicht (Hauptlicht) auf die rechte Gesichtshälfte fallen sollte. Die eine Argumentation war, dass die westeuropäische Leserichtung von links nach rechts geht und es von hell nach dunkel angenehmer ist. Ein weiterer Erklärungsansatz ist, dass die linke Gehirnhälfte für die Emotionen zuständig ist, durch die Verdrahtung aber die rechte Körperhälfte beeinflusst. Daher kann die rechte Gesichtshälfte mehr Emotionen ausdrücken und ist somit interessanter. Vielleicht dreht sich das ja bei manchen Menschen (Linkshändern). Aber zum Beobachten ist das immer interessant.

Es sollte 1 einziges Führungslicht gesetzt sein (oder beim Blitzen gesetzt werden). Das wirkt am natürlichsten. Probieren Sie einmal Fotos mit verschienenen Positionen einer einzigen Lichtquelle. Kommt die Lichtquelle etwaövon unten, wird das Porträt bereits sehr mystisch.

Blitzlicht und Porträt

Hier können durch gezieltes Setzen des Lichtes sehr schöne Effekte und Porträts erzielt werden. Da dies ein umfangreicher Punkt ist, wird diesem ein eigenes Kapitel gewidmet.

4 Tipps für die Porträtfotografie

1) Sprechen Sie mit Ihrem Model

Was in Fotokursen immer stark zu beobachten ist, ist dass alle Teilnehmer um die Wette schweigen. Das Model hat dann 2 Möglichkeiten – einfach sein Programm durchziehen oder einfach nichts tun. Allerdings kann das Model nicht beurteilen, ob für eine Pose das Licht entsprechend passt und ob das vom Standpunkt des Fotografen gut aussieht. Reden Sie mit dem Model, sagen Sie was Sie wollen und wenn das Licht passt.

2) Sprechen Sie mehr mit Ihrem Model!

Ja, und nochmals ja. Reden, reden und nochmals reden. Und dabei nicht das Loben vergessen. Je wohler sich das Model fühlt, desto besser werden die Fotos. Die Emotionen eines Models sind später auf den Fotos zu sehen (der Ärger unter Umständen auch) und auch genauso die Müdigkeit.

3) „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“

oder „Hättest Du geschwiegen, wärst Du Fotograf geblieben!“ (frei nach Boethius)

oder „Hättest Du geschwiegen, wäre Dir ein Model geblieben!“ (frei nach Boethius)

Auch wenn Punkt 3 den ersten 2 Punkten zu wiedersprechen scheint – er tut es nicht! Schweigen sie über unerwünschte oder schlechte Ergebnisse! Wenn man seine Bilder kontrolliert, sollte man über seine eigenen schlechten Ergebnisse schweigen und seinen Ärger (in der Regel über sich selbst) hinterschlucken und die entsprechend Einstellungen an Licht oder an der Kamera ändern.

Nichts ist für ein Model irritierender, als ein Fotograf, der vor sich hin murrt. Das Model wird unter Umständen den Unmut direkt auf sich beziehen. Am Anfang sind immer Probeaufnahmen notwendig. Und diese sind dazu da, „falsch“ gemacht zu werden, damit dann die Einstellungen an Licht und Kamera bei den richtigen Aufnahmen passen. Also bitte schweigen. Auch wenn eine Pose oder Idee einfach nicht funktioniert: ein paar Aufnahmen machen und zur nächsten Idee. Nichts ist schlimmer, als Sprüche wie „Das funktioniert mit dir nicht“. Danach ist ein Shooting unter Umständen gelaufen (und manche Fotografen merken es nicht einmal).

4) Anfassen verboten

Autor: Axel Pratzner