Makrofotografie – Kleines ganz groß

Die Faszination der Makrofotografie liegt im Sehen von Dingen, die mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind, da zu klein. Wir wollen also kleine Dinge sehr groß herausbringen. Die DIN 19040 zur Makrofotografie ist sehr großzügig bei den Maßstäben und alles im Maßstab zwischen 1 : 10 und 10 : 1 gilt schon als Makro.

Gewünscht ist eigentlich mindestens ein Abbildungsmaßstab von 1 : 1 – sprich das Motiv wird auf dem Sensor so groß abgebildet, wie es in natura ist. Bei einem Vollformatsensor wäre das 36 mm auf 24 mm.

Haben wir den Abbildungsmaßstab 2 : 1, wird das Motiv zweimal so groß abgebildet wie es in Wirklichkeit ist.

Die gute Nachricht ist, dass man bereits mit einfacher Ausrüstung spannende Fotos schießen kann. Aber der Reihe nach. Makrofotografie hat auch einige Tücken, die man kennen sollte, um keinen Frust zu bekommen.

Dankbar sind immer Motive, bei denen der Betrachter die Größe nicht abschätzen kann, wie bei folgender Pflanze. Der Hintergrund, warum als erstes ein Blumenbild gezeigt wird, ist, dass der Leser sich noch überlegen kann, ob er weiterlesen möchte! Denn im Folgenden werden Beispielfotos von Insekten wie Spinnen und Grashüpfern (Heuschrecken) verwendet, was nicht jedermanns Sache ist. Wer also eine Aversion gegen diese Tiere hat, sollte nicht weiterlesen.

Makrofoto Blume
Makrofoto Blume

In der Makrofotografie kämpfen wir sehr schnell mit der Schärfentiefe. Im folgenden Bild eines Blumenstiels sieht man sehr schön die Tropfen am Ende der Haare (heißt das so in der Botanik?). Was man aber auch sieht, ist die sehr schnell abnehmende Tiefenschärfe. Diese reicht nicht einmal um einen Stiel herum. Der Stiel dahinter ist schon sehr unscharf.

Makrofoto Blütenstiel mit Problem der Schärfentiefe
Makrofoto Blütenstiel mit Problem der Schärfentiefe

Hier kommen alle Grundlagen, die wir im Kapitel 'Schärfentiefe' gelernt haben, deutlich zum Tragen (wer nochmals nachlesen möchte: https://www.foto-kurs.com/schaerfentiefe-in-der-fotografie.htm).

Schärfentiefe abhängig vom Abstand

Wir wollen Details, und dafür gehen wir so nah wie möglich an ein Motiv heran. Allerdings nimmt die Schärfentiefe ab, je näher wir einem Objekt sind. Und wir wollen ja nahe heran.

Schärfentiefe: Abhängig vom Abstand
Schärfentiefe: Abhängig vom Abstand

Erschwerend kommt nun noch dazu, dass wir nicht beliebig nahe herankommen. Hier kommen mehrere Probleme zum Tragen:

Objektive zum Abstandhalten – Fluchtdistanz berücksichtigen

Je nach Objektiv können wir mehr Abstand halten. Mehr Abstand hat auch Vorteile bei dem Problem, dass wir uns selbst das Licht wegnehmen, sprich das Fotomotiv versehentlich abschatten. Schauen wir uns das für verschiedene Brennweiten an:

Brennweite Fluchtdistanz
50 - 60 mm Abstand 20 – 30 cm
80 – 105 mm Abstand 30 – 40 cm
135 – 200 mm Abstand 40 – 50 cm

Jetzt könnte man natürlich meinen, dass hier große Brennweiten immer von Vorteil sind, da wir dadurch mehr Abstand halten und mehr Licht haben können. Es gibt auch Nachteile! Ein Nachteil ist, dass lichtstarke Objektive mit großen Brennweiten meistens teuer sind. Aber der heftigere Nachteil ist, dass auch hier die Schärfentiefe wieder zuschlägt.

Schärfentiefe abhängig von der Brennweite

Schärfentiefe: Abhängig von der Brennweite
Schärfentiefe: Abhängig von der Brennweite

Je länger die Brennweite ist, desto weniger Schärfentiefe haben wir.

Wir leben also immer mit Kompromissen. So ist das nun mal im Leben. Alles andere ist Fiktion!

Noch ein paar Worte zur Fluchtdistanz. Viele Tiere halten erstaunlich still, wenn man ihnen nahe kommt. Hier ist eher das Problem, dass man diesen ungern nahe kommt. Wer kuschelt auch gerne mit Spinnen und Insekten (aber was macht man nicht alles für ein gutes Foto).

Eine Heuschrecke hält selbst dann noch still, wenn man den kompletten Stuhl auf einen Tisch stellt, damit dieser in der Sonne ist, und die Fotos richtig gut werden.

Tiere in Szene setzen
Tiere in Szene setzen

Und wer nun neugierig ist, was für ein Foto dabei herausgekommen ist:

Heuschrecke auf Stuhl
Heuschrecke auf Stuhl

Das Weiß ist der Plastikstuhl – die Sonne fällt so ideal, dass diese einen Glanzpunkt im Auge produziert und die Flügel teilweise schön durchsichtig macht. Ein Schatten ist auch immer dankbar.

Tipp zur Makrofotografie

Durch die geringe Schärfentiefe ist das Fotografieren parallel zur Sensorebene sehr hilfreich. Bei dem Foto von der Heuschrecke sieht man dies sehr schön angewendet. Das Gesicht und die Flügel sind parallel zur Sensorebene und liegen genau in der Schärfenebene. Alle Beine (die der Kamera zugewandten als auch die abgewandten) sind bereits unscharf. Hier sieht man sehr deutlich die geringe Schärfentiefe, obwohl mit einer Blende von 19 fotografiert wurde.

Und damit sind wir bei dem dritten Wert für die Schärfentiefe. Auch die Blende hat eine direkte Auswirkung auf die Schärfentiefe.

Schärfentiefe abhängig von der Blende

Schärfentiefe: Abhängig von der Blende
Schärfentiefe: Abhängig von der Blende

Je kleiner das Blendenloch ist (sprich je größer der Blendenwert ist), desto größer ist die Schärfentiefe. Aber desto mehr Licht bzw. Belichtungszeit benötigen wir!

Zur Abwechslung mal eine Biene:

Biene auf Blüte - f 7,1 250mm 1/320s ISO 250
Biene auf Blüte - f 7,1 250mm 1/320s ISO 250

Auch hier wurden die wichtigen Teile (Auge und Flügel) parallel zur Sensorebene ausgerichtet.

Action auf Fotos bei Makrofotografie

Man kann aber auch mit den Schärfen spielen. Fotos sind umso spannender, je mehr Action im Foto ist. Hier kommt natürlich wieder das Problem zum Tragen, dass wir meistens zu wenig Licht haben und daher dann längere Belichtungszeiten benötigen. Es hilft, hier am ISO-Wert zu drehen.

Folgendes Foto einer Wespe ist das bekannte Motiv der „Fütterung der Raubtiere“. Frühstück mit mir auf dem Balkon kann schnell zu einer Fotosession ausarten.

Lecker Marmeladenlöffel von unten
Lecker Marmeladenlöffel von unten
Lecker Aas – hier sollte man als Fotograf seinen Ekel überwinden
Lecker Aas – hier sollte man als Fotograf seinen Ekel überwinden

Und weil es einfach spannend ist, mehr zu sehen, jetzt noch ein paar Spinnenfotos. Spinnen können einerseits erstaunlich groß sein, was der Makrofotografie entgegenkommt.

Spinne mit Schatten und ihrem Kokon
Spinne mit Schatten und ihrem Kokon

Bei diesem Foto hat die Sonne nur wenige Augenblicke lang durch die Blätter auf die richtigen Flecken gescheint. Schnell sein und flott fotografieren ist immer eine gute Einstellung.

Spinnen können auch verdammt klein sein. Hier haben wir im Bild auch einen schönen Größenvergleich in Form eines Ohrenzwickers, der als Mahlzeit der Springspinne dient.

Springspinne mit Ohrenzwicker
Springspinne mit Ohrenzwicker

Retroadapter – mehr Vergrößerung

Genau dieser Spinne wollen wir nun in die acht Augen blicken. Erst das Foto und dann die erstaunliche Variante, wie man das mit einem absoluten Billigobjektiv selbst machen kann.

Makrofoto Spinne mit acht Augen
Makrofoto Spinne mit acht Augen

Hier wird damit gearbeitet, dass das Objektiv einfach umgedreht wird.

Bei dem Objektiv, das auf dem obigen Foto benutzt wurde, handelt es sich um das billige Kitobjektiv, das Canon zur Digitalkamera mitgeliefert hat. Das 18-55 mm-Objektiv – ein sehr leichtes Plastikteil, das aber seine Vorzüge hat.

Hier haben wir schon Abbildungsmaßstäbe von über 2 : 1 und sind bereits an den Grenzen zur Mikrofotografie!

Das Foto entstand durch Umdrehen des Objektivs. Was zur Hölle ist mit Umdrehen des Objektives gemeint? Ein Wechselobjektiv kann doch nur mit einer Seite auf die Kamera geschraubt werden, und nur so gibt die Kamera alle Einstellungen an das Objektiv weiter, und die Schärfe kann eingestellt werden?

Wenn wir das Objektiv von der Kamera abnehmen und einfach umgedreht an die Kamera halten, bekommen wir eine immense Vergrößerung. Ab jetzt haben wir keinerlei Unterstützung mehr durch die Elektronik. Scharfstellen bedeutet dann, dass wir die Kamera millimeterweise nach vorne und hinten bewegen und immer wieder auslösen. Es werden sehr viele unscharfe Fotos entstehen aber dafür ein oder zwei Fotos, die einen WOW-Effekt haben. Meine Spinne oben hat Gott sei Dank lange genug stillgehalten. Wahrscheinlich war sie sehr überrascht von dem merkwürdigen Menschen vor sich, der wie verrückt Fotos macht und sich immer wieder vor- und zurückbewegt.

Natürlich geht das auch mit mehr Technik. Getreu dem Motto: Equipment ist alles. Wichtig ist einfach, man kann auch ohne viel Zusatzkram spielen und Spaß haben und beeindruckende Fotos schießen.

Will man das Ganze professionalisieren, gibt es Umkehradapter bzw. Umkehrringe. Hier gibt es sogar die High-End-Variante, dass die Kontakte des Objektivs über den Adapter wieder Anschluss an die Kamera bekommen. (siehe Amazon-Links: für Nikon / für Canon )

Aber einfach mal mit den Mitteln, die man hat, spielen und Spaß haben. Manchmal denkt man auch, dass die Tiere sich einen Ast lachen, wenn sie den Fotografen sehen.

Ki­chernder Grashüpfer
Ki­chernde Heuschrecke

Makroobjektive

Und wer dann doch tief in die Makrofotografie einsteigen will, kann sich ein Makroobjektiv kaufen. Hier bekommen wir einfacher einen Abbildungsmaßstab von 1:1, haben meist sehr lichtstarke Objektive (f/2.8 und besser) und erhalten knackig scharfe Fotos bis in die Ecken. Und ein weiterer Vorteil ist, dass viele Makroobjektive innenfokussiert sind – sprich beim Zoomen ändert sich nicht deren Länge.

Weitere Werkzeuge für Makrofotografie

Einstellschlitten - Makro-Fokussierung - Schienen-Schieber

Auch gibt es für Stative (immer eine gute Idee bei Makrofotografie) Einstellschlitten, die man millimeterweise vor- und zurückbewegen kann.