10 goldene Regeln für richtig schlechte Fotos

Nachdem ich nun gefühlte 1.000 goldene Regeln für „Wie mache ich bessere Fotos“ gelesen habe, hier nun endlich der ultimative Ratgeber für „Wie man richtig schlechte Fotos macht“. Auch das muss gelernt sein!

  1. Gehen Sie weit weg von Ihrem Motiv. Das, was Sie eigentlich abbilden wollten, darf sich einfach nicht in den Vordergrund drängen. Machen Sie es dem späteren Betrachter nicht einfach, zu erkennen, auf was es ankommt. Das trägt auch aktiv zum Datenschutz bei!
  2. Für jede Regel eine Ausnahme (hier zu Regel 1). Wenn Sie Menschen fotografieren, rücken Sie diesen richtig auf die Pelle. Je näher, desto besser. Wichtig ist, dass Sie das vollkommen unangekündigt machen! Nutzen Sie das Überraschungselement. Das Model muss sich richtig unwohl fühlen in seiner Haut. Durchbrechen Sie den üblichen kulturellen Abstand - ran, ran, ran. Nur so kommen Sie an die Details, die keiner sehen will (vor allem nicht der Fotografierte). Aber Sie haben die Fotos, die sonst keiner hat. Falten und Hautunreinheiten.
    Weiterhin sollten Sie darauf achten, dass Sie einen starken Knoblauchgeruch verbreiten, wenn Sie den Mund auch nur ansatzweise öffnen, dass das T-Shirt mindestens schon 3 Wochen getragen ist und man dies deutlich riecht und ein leichter Alkoholgeruch Sie umwabert. Mögen Sie keinen Alkohol, dann einfach vorneweg aufs T-Shirt kleckern (siehe Regel 8, hilft auch bei Regel 4).
  3. Sie dürfen auf keinen Fall die Anleitung zu Ihrer Kamera lesen oder die Kamera kennen! Nur so kommen unverfälschte Fotos raus. Beugen Sie sich niemals dem Diktat der Technik - Sie sind der Künstler und nicht die verdammte Kiste. Und egal wie es als Foto raus kommt - genau so haben Sie das auch geplant, und wenn es andere nicht verstehen, umso besser. Richtige Künstler können nicht verstanden werden (bestenfalls nach ihrem Tod - und dann ist es ihnen eh wurscht). Kennen Sie bereits Belichtungszeit, Blende, Schärfentiefe und ISO, sind Sie klar benachteiligt und leiden unter Fremdbeeinflussung. Zur Not können Sie das durch Konsum von Alkohol etc. ausgleichen (hilft auch bei Regel 4).
  4. Schärfe wird vollkommen überschätzt! Halten Sie niemals die Kamera ruhig - es muss alles aus einem Fluss der Bewegung kommen - am besten ist es, wenn sich sowohl Sie als auch das Model bewegen. Führen Sie als Fotograf während dem Fotografieren einen mittelalterlichen Tanz auf.
    Sollte blöderweise doch zuviel Licht da sein, sodass trotzdem noch scharfe Fotos entstehen, dann ändern Sie die Belichtungszeit (jetzt müssen Sie halt mal in Gottes Namen in die Anleitung schauen, was dieses Tv bzw. S bedeutet - und ran an den Speck). Hier souverän auf 1/5 Sekunde oder besser noch auf 1 Sekunde gestellt - und endlich haben wir die gewünschte Unschärfe. Jetzt kann sich niemand mehr über Falten und Hautunreinheiten beklagen (Widerspricht Regel 2 - aber „so what“).
  5. Ausnahme zur Regel 4: Sie wollen (k)ein klassisches Portrait - jetzt ist Schärfe bis zum Erbrechen angesagt von Vordergrund bis Hintergrund. Wir wollen den Portraitierten wie auch den Hintergrund bis ins Letzte scharf haben. Alle Zeichen der Zeit von Falten bis Schrammen sollen dokumentiert werden - verwahren Sie sich unbedingt vor Schönmacherei.
    Zeigen Sie niemals zwischendurch die erzeugten Fotos. Widerspruch muss zwecklos sein. Dazu ist wichtig, dass Sie die Blendenzahl auf einen höheren Wert stellen - Blende 11 ist klasse. Wir wollen auf jeden Fall den Hintergrund auch scharf haben und genügend Schärfentiefe. Zur Not nur den Hintergrund scharf.
  6. Verwahren Sie sich gegen irgendwelche neumodischen Bildgestaltungsvorschläge. Drittelregel, Goldener Schnitt und Goldene Spirale müssen für Sie ein Fremdwort sein und sich eher nach Verhütung anhören. Die goldene Mitte ist das Maß aller Dinge - wie Oma schon sagte. Alles mittig platziert und immer! Ihre Bilder brauchen keine Spannung - sie sind objektiv und natürlich ein Künstler. Harmonie ist für Weicheier und Softies!
  7. Fotografieren Sie Personen, so ist es extrem wichtig, dass diese nicht komplett auf dem Bild sind. Wählen Sie den Bildausschnitt (unter Beachtung der Regel 6) so, dass auf jeden Fall an Gelenken abgeschnitten wird. Gelenke sind der ideale Ort dafür. Der Betrachter muss sich sofort unwillkürlich fragen, in welchem Krieg der bedauernswerte Abgebildete war, um dort seine Gliedmaßen zu verlieren.
  8. Achten Sie besonders beim Fotografieren von Menschen darauf, dass diese auf keinen Fall gut gelaunt sind! Das versaut Ihr Foto. Gut gelaunte Menschen sind eh ein Gerücht und dies ist nur gespielt. Sie wollen ehrliche Fotos. Dazu gehört ein wenig Vorarbeit. Erkundigen Sie sich unauffällig nach dem Musikgeschmack. Haben Sie einen Klassikliebhaber ... dann während dem Fotografieren Hard Rock bis Death Metal. Haben Sie eine Popmusikbegeisterte (womöglich irgendeine Boygroup) ... dann muss Ihre einzige Richtung (super Wortspiel zu „one direction“) wieder Hardrock bis Metal sein. Haben Sie einen Hardrock-Liebhaber, haben Sie Pech (falls Sie nicht Volksmusik mögen) ... dann ist nämlich Volksmusik angesagt. Man muss von Anfang an das Unbehagen des Fotografierten spüren.
    Eine super Möglichkeit ist natürlich, sofort am Anfang den Satz fallen zu lassen: „Dann ziehen Sie sich mal flott aus für die Aktbilder“ - besonders effektiv, wenn vorneweg nur über Portraitbilder gesprochen wurde.
    Steigern Sie das Unbehagen während der Fotosession unaufhörlich. Kontrollieren Sie so oft wie möglich die Bilder am Display Ihrer Kamera (wenn Sie den Knopf für Bildvorschau dazu nicht kennen, macht das auch nichts ... dann einfach so tun). Wichtig ist, dass Sie immer was von schlechten Bildern und so weiter vor sich hinmurren. Das muss so offen sein, dass es der Fotografierte immer auf sich beziehen kann. Damit bekommen Sie auch das geübteste Model klein. Üben Sie das! Ganz wichtig ist natürlich noch, etwas von Histogramm zu murmeln (auch wenn Sie keinen Plan haben, was das ist und ob man das essen kann) und dass früher alles besser war. Damit erscheinen Sie als alter Hase.
  9. Korrekte Farben sind old school. Mischlicht ist das Zauberwort - verwirren Sie den Weißabgleich Ihrer Kamera. Reizen Sie diesen aus - dazu immer auf automatischen Weißabgleich stellen (wozu hat man denn so viel Geld für die Kamera ausgegeben). Achten Sie darauf, dass Sie möglichst viele verschiedene Lichtquellen haben. Eine Kombination aus Leuchtstoffröhre und alter Glühlampe ist immer gut. Baustrahler sind auch top und bergen auch immer ein Aktionspotential, wenn sich irgendjemand daran verbrennt oder die halbe Einrichtung in Flammen aufgeht.
    Wichtig ist auch, dass Sie beiläufig beim Fotografieren fallen lassen, dass Sie eigentlich farbenblind sind, dass das aber nicht weiter auffällt, nur lästig ist bei Ampeln im Straßenverkehr.
  10. Sie dürfen niemals nach außen zeigen, dass Sie Spaß am Fotografieren haben - das würde die Regel 8 aufs heftigste verletzen (und das wollen wir ja nicht). Nehmen Sie sich niemals ernst. Auch nicht Ihr Gegenüber oder diese Anleitung, die Sie nach Belieben erweitern oder verbrennen können.