Schärfentiefe als Bildgestaltungselement

Schärfentiefe als Bildgestaltungselement
Kamera: Canon EOS 5D Mark II Blende: f/2,8 Brennweite: 70 mm Belichtung: 1/125 Sek. ISO: 100

Schärfentiefe in der Fotografie – das Wesentliche zeigen

Wir haben beim Fotografieren eigentlich exakt eine einzige Schärfenebene – alles davor und danach ist mehr oder weniger scharf. Wo die Schärfe liegt und über welchen Bereich sich die Schärfe erstreckt, kann der Fotograf beeinflussen. Dadurch kann der Fotograf dem späteren Betrachter des Bildes die Intension eines Bildes vermitteln und der Betrachter verliert sich nicht in unwesentlichen Elementen, die auf dem Foto zu sehen sind.

Das kann so weit gehen, dass man eine Geschichte anhand der gewählten Schärfe und Schärfentiefe erzählen kann.

Um die Schärfentiefe zu beeinflussen, haben wir 3 mögliche Faktoren, die auch alle gleichzeitig angewendet werden können. Zum Verständnis werden die 3 Faktoren der Reihe nach betrachtet.

Die Schärfentiefe wird von folgenden 3 Faktoren beeinflusst, die vom Fotograf variiert werden können:

Schärfentiefe und verwendete Blende

Im folgenden Beispiel ist zwischen Fotograf und Model ein Abstand von ca. 80 cm. Das Model dreht den Kopf vom Fotograf weg – Blickrichtung 4 Uhr. Keines der Bilder wurde nachbearbeitet, um den eigentlichen Effekt der Unschärfe gut sichtbar zu haben. Durch Nachschärfen über Bildbearbeitung könnte noch etwas Schärfe „herausgeholt“ werden.

Versuchsaufbau für Schärfentiefe Versuchsaufbau für Schärfentiefe

Dieser Aufbau (Abstand und Blickrichtung) hat für unser Beispiel den Vorteil, dass hier sehr schön am rechten Auge die Unschärfe sichtbar wird. Diesen Effekt sieht man sehr oft bei Porträts – teilweise, weil etwas schief lief, teilweise, weil es bewusst eingesetzt wurde.

Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/2,8 Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/2,8

Bei dem Blendenwert f/2,8 haben wir extrem wenig Schärfentiefe – bereits die Wimpern des rechten Auges sind unscharf.

Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/4 Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/4

Blende f/4 hilft minimal.

Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/6,5 Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/6,5

Blende f/6,5 und der Wimpernansatz des rechten Auges wird schärfer.

Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/10 Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/10

Blende f/10 und das rechte Auge wird langsam schärfer.

Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/16 Schärfentiefe bei dem Blendenwert f/16

Blende f/16 und das rechte Auge ist relativ scharf (einiges an Schärfe kann hier noch über Bildbearbeitung herausgeholt werden. Die Strähne weiter hinten ist noch nicht scharf.

In dieser Reihe kann man sehr schön beobachten, wie die Wirkung eines scharf bzw. unscharf abgebildeten Auges auf den Betrachter ist.

Trennung Vordergrund von Hintergrund über Schärfe/Unschärfe

Besonders kann man über die Schärfentiefe einen vom Hauptmotiv ablenkenden Hintergrund in Unschärfe verschwinden lassen.

Wir haben also eine Abhängigkeit zwischen der Schärfentiefe und der Blende, wie in der folgenden Grafik dargestellt ist. Der grüne Abschnitt kennzeichnet den noch scharf abgebildeten Bereich. Je größer der Blendenwert ist, desto mehr Schärfentiefe haben wir.

Schärfentiefe abhängig von der Blende Schärfentiefe abhängig von der Blende

Die Ausmaße der Schärfentiefe können berechnet werden – wichtig ist aber zu wissen, dass es i. d. R. bei der Kamera extra eine Taste zur Schärfentiefenprüfung gibt – kurz Abblendtaste. Diese Abblendtaste aktiviert die Blende, damit im Sucher die Schärfentiefe geprüft werden kann. Das benötigt Übung, da bei großen Blendenwerten auch weniger Licht im Sucher vorhanden ist.

Tipp zur Porträtfotografie: Für Porträtfotografie ist es extrem wichtig, dass das dem Betrachter zugewandte Auge scharf abgebildet wird. Schöner ist natürlich, wenn beide Augen scharf abgebildet sind. Ein sehr merkwürdiger Eindruck entsteht, wenn das vom Betrachter weiter weg liegende Auge scharf ist, aber das dem Betrachter nähere Auge unscharf. Einfach mal probieren!

Schärfentiefe und Abstand zum Objekt

Auch der Abstand zum Objekt, das fotografiert werden soll, ändert die Schärfentiefe.

Je näher das Objekt ist, desto weniger Schärfentiefe.

Schärfentiefe abhängig vom Abstand Schärfentiefe abhängig vom Abstand

Stellt man die Schärfe auf ein weiter entferntes Objekt ein, hat man auch mehr Schärfentiefe. Das ist oft der Grund, weswegen Landschaftsaufnahmen einen großen Schärfebereich haben.

Und im anderen Extrem – warum in der Makrofotografie extrem wenig Schärfentiefe vorhanden ist. Man versucht ja soweit wie möglich an das Objekt heranzukommen, um es so groß wie möglich abzubilden. Bewegt sich dann noch das Objekt, hat man richtig Spaß (glauben Sie mir). Man hat oft in der Makrofotografie eine Schärfentiefe von 1 mm.

Schärfentiefe und Brennweite

Und auch die eingestellte Brennweite hat einen direkten Einfluss auf die Schärfentiefe.

Weitwinkelobjektive haben wesentlich mehr Schärfentiefe als Teleobjektive.

Schärfentiefe abhängig von der Brennweite Schärfentiefe abhängig von der Brennweite

In der Grafik ist das zu fotografierende Objekt gleich weit entfernt und die Blendeneinstellung ist identisch. Ja nach Brennweite hat man mehr oder weniger Schärfentiefe – je mehr Zoom, desto weniger Schärfentiefe.

Schärfentiefe vor und nach der Schärfenebene

Wie auf den Grafiken angedeutet, ist das Ausmaß der Schärfentiefe vor dem Objekt weniger groß als hinter dem Objekt. Teilweise liest man von Verhältnissen von 1/3 zu 2/3 – was nicht ganz der Realität entspricht. Diese Aufteilung ist auch abhängig von verschiedenen anderen Faktoren. Aber als Annäherung ist diese Regel in Ordnung.

Schärfentiefe und Größe des Bildsensors

Auch die Größe des Bildsensors beeinflusst die Schärfentiefe. Je größer der Bildsensor, desto einfacher kann über die Schärfentiefe die Unschärfe kreativ eingesetzt werden.

Daher produzieren kleine Kompaktkameras oder Fotohandys, die einen sehr kleinen Bildsensor haben, meistens Bilder, die von vorne bis hinten scharf durchgezeichnet sind.

Quintessenz Schärfentiefe

Die Schärfentiefe ist für viele Bereiche der Fotografie ein sehr großes Gestaltungsmittel, um den Blick des Betrachters auf das Wesentliche zu lenken. Dabei ist die Handhabung der Schärfentiefe etwas, was man trainieren sollte.

Die verschiedenen Faktoren wie gewählter Blendenwert, Abstand zum Objekt und Brennweite, die man alle kombinieren kann, und auch die Abhängigkeit zur Größe des Bildsensors machen den Einsatz der Schärfentiefe für den Einsteiger übungsbedürftig. Aber dann überzeugen die Ergebnisse!

Schöne Ergebnisse mit Unschärfe erhält man bei Objektiven, die Blendenwerte von f/2,8 oder weniger ermöglichen.

Autor: Axel Pratzner

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